Own your story – der Anfang einer Heldengeschichte

Der folgende Text ist im Rahmen der Rise Up and Shine University von Laura Seiler entstanden, an der ich teilnehme. Es ist ein 4 Wochen Coaching-Programm für persönliche Weiterentwicklung.

Eine der tollen, inspirierenden Übungen ist, die eigene Geschichte neu zu schreiben. Als Heldengeschichte. Als Geschichte, die ein neues Licht auf mich und meine Vergangenheit wirft.

Ich habe dazu einen Text erweitert, den ich schon vor einigen Jahren geschrieben hatte.

Zuerst geht es nicht um mich, sondern um meine Mama. Aber ganz ehrlich: Sie ist auch eine unglaubliche Heldin, die es verdient hat, dass auch ihre Geschichte erzählt wird.

Und jetzt: Viel Spaß mit dem Anfang meiner Heldengeschichte. 🙂


Es war Nacht. Wie spät genau wusste sie nicht.

Gefühlt waren unzählige Stunden vergangen seit sie von der Türklingel aus dem Schlaf gerissen wurde. Doch es konnte nicht später als drei oder vier Uhr morgens sein.

Sie stand schon eine Weile im Türrahmen. Das Licht im Flur hatte sie gelöscht, war eingetaucht in die Schwärze, die in dem kleinen Kinderzimmer herrschte. Die Dunkelheit fühlte sich tröstlich an. Nichts sehen müssen, nicht gesehen werden. Nicht da sein.

Doch ihre Augen gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit und aus der anfänglichen Blindheit entstanden graue Schemen und schwarze Schatten.

Obwohl die schweren mit bunten Figuren bedruckten Vorhänge fast das ganze Mondlicht verschluckten, konnte sie in dem schwachen Schein die Gesichter der beiden Mädchen erkennen.

Mit geschlossenen Augen und leicht geöffneten Mündern lagen sie da. Zwischen ihren Lippen strömte bei jedem Atemzug sanft die Luft ein und aus. Ein beruhigendes Geräusch. Ein lebendiges Geräusch. Sie atmeten. Ihre Herzen klopften. Sie lebten.

Vier kleine Hände ruhten auf den Decken. Fast so als hätte sie sie noch vor dem Zubettgehen genau so hindrapiert.

Doch ihr abendliches Ritual war so gewesen wie immer, wenn sie nur zu dritt waren:

Zähneputzen, gemeinsam auf die untere Matratze des Hochbettes kuscheln, eine Geschichte lesen und dann nach dem Gute-Nacht-Bussi schlüpft jeder unter die eigene Decke.

Die Mädchen waren schnell eingeschlafen. Friedlich und unschuldig. Und genauso lagen sie jetzt noch da. Träumend und nichts ahnend. Die Klingel hatte sie nicht geweckt. Auch nicht der Aufruhr, der danach im Untergeschoss entstand.

Sie wandte den Blick ab. Die Kleinen wussten nicht, konnten ja in ihren Träumen noch nicht ahnen, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor, wenn sie die Augen am Morgen öffnen.

Ihre Knie gaben knackend nach. Kraftlos sank sie gegen den Türrahmen. Gleichzeitig horchte sie erschrocken, ob das Geräusch die Kinder geweckt hatte. Nichts. Wie zuvor hörte sie nichts als ruhige Atemzüge. Sie seufzte erleichtert. Die Welt war in Ordnung.

Zumindest für die Mädchen. Zumindest noch. Und sie selbst hatte noch Schonfrist. Noch. Denn der Morgen würde kommen. Dann würde sie es ihnen sagen müssen.

Das Gefühl der salzig getrockneten Spuren auf ihrer Haut, weggeschwemmt von neuen Tränen, die ihr über die Wangen rannen, war in den vergangenen Stunden so vertraut geworden, dass sie ihr Weinen erst bemerkte als die Tropfen auf ihre bloßen Füße trafen.

Bei Tagesanbruch musste sie es den Mädchen sagen.

Ihnen das sagen, was sie selbst noch nicht glaubte.


Ich schlug meine Augen auf.

Es war schon hell im Zimmer. Die Vorhänge waren aufgezogen und die Mai-Sonne schickte ihre Sonnenstrahlen herein. Ich blinzelte, das war zu hell für meine müden Augen.

Da bemerkte ich Mama. Sie schaute zwischen den Querstreben meines Bettes durch. Das Hochbett war auf der richtigen Höhe, sodass sich unsere Blicke genau trafen. Sie sah traurig aus.

Sofort war ich hellwach. Irgendetwas war anders. Komisch. Ein seltsames Gefühl breitete sich in mir aus.

„Guten Morgen“, flüsterte meine Mama. Ihre Stimme nur ein Hauch, eine Idee, eine Spur.

„Kommt mit zu mir ins Bett.“

Hm, das war komisch. Anders als sonst. Das taten wir doch normalerweise nur am Wochenende. Gemeinsam noch etwas kuscheln. Aber heute war nicht Wochenende.

Meine Schwester war auch schon auf. Sie stand aus dem unteren Bett auf. Als unsere Blicke sich trafen, sah ich, dass auch sie alles andere als verschlafen war.

Sie merkte es auch. Etwas stimmte nicht.

Ich kletterte von meinem Bett. Der Boden war kalt, als meine Zehen ihn berührten. Gemeinsam tapsten wir meiner Mama nach in ihr und Papas Schlafzimmer.

Es war gespenstisch leise. Nur das Rascheln der Bettdecke und Kissen war zu hören als sie sich hineinlegte und wir hinterher krochen.

Die Laken waren noch warm. Wir lagen links und rechts von meiner Mama. Sie hielt uns fest im Arm. Fast etwas verkrampft.

Ich lag einfach da. Voller Fragen, doch ich traute mich nicht sie zu stellen.

Stille.

Dann ganz leise hörte ich das Weinen meiner Mama.

Sofort waren meine Schwester und ich in Aufruhr. Mama ging es nicht gut. Sie war traurig.

„Was ist los, Mama?“

„Warum weinst du?“

Sie seufzte. Die Tränen rannen leise weiter ihre Wangen hinab.

„Heute Nacht hat es an der Tür geklingelt“, wieder war ihre Stimme nur ein Hauch.

„Davor stand die Polizei. Sie haben uns erzählt, dass Papa einen Unfall hatte.“

Sie schluckte. Holte Luft. Ihr Gesicht war nass von all den Tränen.

Meine Schwester und ich lauschten nur. Gebannt.

„Papa kommt nicht mehr nach Hause.“

Alles verschwindet im Nebel.


Wir sitzen auf der Treppe, alle drei nebeneinander. Auf einer Stufe. Aneinandergedrängt.

Weinen wir? Ich weiß es nicht.

Meine Mama erzählt mir später: Ja, wir haben geweint. Viel.

Ich selbst erinnere mich nicht mehr daran. Ich sehe nur meine Oma, wie sie die Stufen heraufkommt. Höre wie sie sagt wir sollen zu den anderen nach unten kommen.

Alle sind da. Opa, Tanten, Onkel.

Alle sind traurig. Geschockt. Fassungslos.

Ich glaube irgendjemand fuhr irgendwann zum Bäcker und holte Frühstück. Wir müssen etwas essen.

Und wir essen. Und wir leben weiter.

Tag für Tag.

Bis heute.

Es ist der erste Tag meines Lebens an den ich mich bewusst erinnere. Der Tag, an dem mein Papa starb. Mit 26 Jahren. Bei einem Autounfall.

Ich selbst war drei. Naja, fast schon vier.

Lange Zeit waren alle Geschichten, die mir Oma von meinem Papa erzähle, wie Märchen. Er war der Held. Ich hörte sie so gern. Die Geschichten davon welcher Lausbub er als Kind war.

Wie er sich beim Toben verletzte und wie er sich beim Nähen beim Doktor aber immer so vor der Spritze fürchtete, dass er keine Narkose wollte. Nur eine Hand voll Süßigkeiten, die er festhielt, während der Doktor seine Wunde zusammenflickte.

Wie er vom Kindergarten ausbüchste und einfach wieder nach Hause lief.

Und wie er mit 19 meine Mama kennenlernte. Nach dem ersten Abend nach Hause kam und zu meiner Oma sagte: „Heute habe ich die kennengelernt, die ich heirate.“

Wie lieb er uns gehabt hatte. Seine drei Mädels.

Ich bin froh, dass er da war. Auch wenn es nur so kurz war. Und auch wenn ich ihn nicht kenne. Wenn er für mich nur der Held aus Geschichten ist.

Er war hier, dass meine Schwester und ich auf diese Welt kommen konnten.

Er war hier, um uns unserer Mama zu schenken und sie uns.

Ohne dass er da war, hat er mir gezeigt, dass es wichtig ist die Zeit, die einem geschenkt wird, zu nutzen. Dass keiner ohne Fehler ist, auch er nicht.

Er hat meine Mama, meine Schwester und mich unglaublich zusammengeschweißt.

Er hat mir früh den Tod in mein Leben gebracht und mir damit gelernt, dass alles vergänglich ist. Gleichzeitig aber auch, dass Liebe nie vergeht.

Meine Schwester und ich sind die Erinnerung an ihn.

In uns lebt er weiter. In der Art wie wir lachen, in unserem Aussehen, in den Dingen die wir gut können und auch in unseren Makeln.

Er war hier, damit ich auf diese Welt kommen konnte.

Und mein eigenen Geschichten erleben kann. In denen ich die Heldin bin.

2 thoughts on “Own your story – der Anfang einer Heldengeschichte”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.