Oh Honey… Der Brief an die Andere

Oh Honey…

du wünscht mir ein schönes Leben?

Und sagst mir, ich solle meine Zeit nutzen? Nicht an Dingen festhalten, die schon lange kaputt sind?

Honey, ich nutze meine Zeit und ich halte an nichts fest. Keine Sorge.

Aber kaputt war nichts von Haus aus. Es wurde kaputt gemacht.

Deswegen will ich dir noch etwas mit auf den Weg geben, bevor ich ganz abschließe mit dem was war…

Ich wünsche dir auch ein schönes Leben. Doch zuerst wünsche ich dir, dass du erwachsen wirst. Und dass du lernst, Fehler einzusehen.

Es ist ganz normal Fehler zu machen. Das tut jeder. So oft. Es ist nur menschlich. Und es passiert einfach. Jedem.

Aber echte Charakterstärke zeigt sich bei denen, die sich Fehler eingestehen können. Die nicht versuchen sich mit schönen Worten rauszureden:

„Ich war nicht schuld. Das war alles nicht so schlimm. Ich hab doch nichts gemacht.“

Oh Honey, so funktioniert das nicht. So lügst du dir nur selber in die Tasche. So lernst du nichts. So entwickelst du dich nicht.

Deswegen wünsche ich dir zuallererst, dass du erwachsen wirst.

Ich hoffe für dich, dass du dann sehen kannst, dass du einen Fehler gemacht hast – auch wenn es nicht allein deiner war.

Dass du sehen kannst, dass du beteiligt bist an dem Schmerz von so vielen Menschen. Menschen, die du gar nicht kennst.

Dass du unzählige Tränen verursacht hast. Bei Familie, Freunden und bei uns.

Klar, das alles vergeht. Der Schmerz, die Tränen. Und du musst ihn ja auch weder aushalten, noch die Tränen weinen.

Doch was für dich bleiben sollte, ist das Bewusstsein für den Fehler. Es ist etwas falsch gelaufen. Und daraus solltest du etwas für dein Leben mitnehmen, Honey.

Sich rauszureden ist einfach. Du hast ja keine Verbindung, bist so weit weg. Hast ja nichts falsch gemacht und bist dir keiner Schuld bewusst.

Es ist also einfach, Worte zu finden, die dich aus der Verantwortung nehmen.

Deshalb sagst du:

„In deiner Beziehung war doch schon alles kaputt. Sieh es doch ein. Du lügst dir doch was vor.“

Oh Honey, du sagst das einem Menschen, der jemanden verloren hat. Jemanden, den er so geliebt hat, über so lange Zeit.

Sag so etwas nicht, Honey.

Denn das ist schrecklich und macht es nur noch schwerer.

Nicht für dich natürlich. Doch manchmal solltest du auch an die Gefühle von anderen denken.

Oh Honey, das solltest du wirklich.

Gerade weil du ja behauptest, dich mit Psychologie auseinanderzusetzen. Deswegen solltest du es vielleicht auch besser wissen.

Deswegen solltest du wissen, dass ich in einer emotionalen Ausnahmesituation bin.

Deswegen solltest du wissen, dass es normal ist, dass ich meinen Gefühlen Luft mache, indem ich dir eine Nachricht schreibe.

Deswegen solltest du es wertschätzen, dass ich dich weder beschimpfe noch versuche dich mit meinen Worten zu verletzen.

Deswegen solltest du es akzeptieren, dass ich versuche dir ins Gewissen zu reden.

Und deswegen hättest du – eben weil du dich mit Psychologie beschäftigst – deine Antwort einfach runterschlucken sollen.

Allein schon aus Rücksicht auf meine Situation und auf meine Gefühle.

Denn was du mit deiner Nachricht versucht hast, kann dir sowieso nicht gelingen.

Du wolltest dich mit deinen Worten verteidigen. Stattdessen mir den schwarzen Peter zuschieben. Dich auf die moralisch höhere Stufe stellen. Die Situation gewinnen.

Oh Honey, gib den Gedanken auf.

Du bist hier moralisch einfach unterlegen. Denn du bist die Andere. Und dazu eine Andere, die einfach ein leichtfertiges Abenteuer war, das sich aus der Situation ergeben hat.

Eigentlich keine echte Absicht. Nichts, was unsere gemeinsame Zukunft aufs Spiel setzen sollte.

Doch am Ende hat es das doch getan.

Und Honey, wir hatten ein gemeinsames Leben – keine einfache “Alltags-Beziehung”, was in deiner Nachricht fast wie ein Schimpfwort klingt.

Du solltest wissen, Honey: Einen gemeinsam Alltag zu haben, ist nichts Schlimmes. Und schon gar nicht unbedingt etwas Langweiliges.

Es gibt Sicherheit. Es schenkt Vertrauen. Es ist verlässlich.

Und glaub mir: Ich wünsche dir, dass du jemanden findest mit dem du einen Alltag hast und mit dem du die einfachen Dinge genießen kannst.

Gemeinsam kochen, einkaufen. Einfach zusammen am Sonntag auf der Couch sitzen. Wenn du dich auf kleine, alltägliche Dinge freust, weil du sie mit deinem Partner verbringen kannst, dann ist es etwas Wundervolles.

Deswegen nutze das nicht als Erklärung.

Klar ist das Leben auf einem Festival ausgelassener. Alles ist einfach, alles ist simpel. Einfach feiern, einfach Spaß haben. Die Sorgen vergessen. Pulsierend und elektrisierend. Für nichts leben außer dem Beat und dem Hier und Jetzt.

Das ist aufregend, prickelnd, spannend und schön.

Doch Honey: Das Leben ist kein Festival.

Der Alltag kommt.

Immer.

Die Kunst ist, es zu verstehen, ihn trotzdem zu etwas Besonderem zu machen. Wir haben das oft geschafft. Hatten immer wieder unsere kleinen, persönlichen Beziehungs-Festivals. Voll Spaß und Ausgelassenheit.

Dass es auch andere Zeiten gibt, ist selbstverständlich. Die haben wir aber in all unseren gemeinsamen Jahren zusammen durchgestanden.

Deswegen nutze das nicht als Erklärung.

Du kannst das nicht gewinnen. Mit nichts was du sagst.

Oh Honey, das kannst du nicht.

Und du solltest wissen, dass es in dieser Situation, in der wir sind, keine Gewinner gibt. Nur Verlierer.

Also versuche erst gar nicht weiter, das was passiert ist, zu rechtfertigen.

Und bitte, versuche nicht mir Ratschläge zu geben á la „Nutze deine Zeit, immerhin werden so viele Menschen jung aus dem Leben gerissen“.

Denn du kennst mich nicht.

Weißt nicht, was ich schon erlebt habe. Mit welchen Situationen und Schicksalsschlägen ich fertig werden musste.

Deshalb sag so etwas nicht, Honey. Nicht zu jemanden, den du nicht ein Stück kennst, den du nie gesehen hast und mit dem du nicht ein persönliches Wort gewechselt hast.

Wie ich schon in meiner ersten Nachricht geschrieben habe:

Ich will dich nicht beleidigen oder dir die ganze Schuld in die Schuhe schieben. Ich will dir nur zeigen, was solche Leichtsinnigkeiten auslösen können.

Mit deiner Antwort hast du mir gezeigt, dass du noch nicht so weit bist, das zu sehen.

Ich hoffe jetzt bist du es.

Denn ich mache dir keinen Vorwurf. Fehler passieren. Und er ist noch mehr in der Verantwortung als du. Denn er wusste, was er aufs Spiel setzt. Du nicht.

Oh Honey, dennoch solltest du einsehen, dass es nicht richtig war. Und vielleicht beim nächsten Mal anders entscheiden.

Männer sind manchmal kopflos, deshalb sollten Frauen sich auf Frauen verlassen können. Dass die im richtigen Moment „Nein“ sagen.

Nein sagen, auch wenn es „nur“ Kuscheln ist. Denn sich einzureden, dass so etwas Intimes, Persönliches und Inniges nichts Schlimmes ist, ist der erste Schritt zu Schlimmerem.

Naja Honey, es stimmt schon: Es gehören immer zwei dazu. Er hat dir ja auch das Gefühl gegeben, dass es oke ist.

Oh Honey, das war es aber nicht.

Und das wird es in den seltensten Fällen sein. Glaub mir.

Genauso wie es nicht oke ist, vergebenen Männern laszive Fotos oder Bikinivideos zu schicken.

Honey, beschweren werden sich die Männer natürlich sicher nicht.

Aber die Frauen. Denn sie wissen, dass Mädchen so etwas nicht ohne Hintergedanken machen. Und auch nicht nur freundschaftlich.

Auch wenn sie das sagen. Und auch wenn die Männer das den Mädchen auch noch glauben.

Oh Honey, so naiv ist aber keine Frau.

Genauso wird es für die allerwenigsten Frauen oke sein, wenn sich ein Mädchen als Übernachtungsgast bei ihnen zu Hause anmeldet, das zuvor drei Nächte mit dem eigenen Partner verbracht hat.

Oh Honey, so naiv solltest du nicht sein. Auch wenn es die Männer scheinbar sind.

Es ist schon eine besondere Art von Respektlosigkeit sich bei der ahnungslosen Freundin einquartieren und ihr ins Gesicht lachen zu wollen.

Schlimm genug, dass die Männer so dumm sind und denken, das kann klappen. Doch erschreckend ist, dass es Mädchen gibt, die bei sowas auch noch mitmachen.

Oh Honey, es tut mir leid. Denn ich habe gesagt, dass ich dich nicht mit meinen Worten verletzen will.

Und ebenso wie du mich nicht kennst, kenne ich dich ja auch nicht.

Deswegen ist das, was ich dir geschrieben habe vielleicht auch falsch oder stellt dich in einem falschen Licht dar.

Denn ich glaube, du bist bestimmt kein schlechter Mensch.

Allerdings habe ich aufgrund dessen geschrieben, wie du dich mir gegenüber gegeben hast.

Aufgrund dessen, wie ich dich durch deine Taten, die auch mich betreffen, kennenlernen konnte. Und aufgrund dessen, wie du durch die Worte, die du mir geschrieben hast, gewirkt hast.

Und vor allem das, was du geschrieben hast, war sehr verletzend. Sicher nicht mit Absicht. Doch genau deshalb waren klare Worte nötig.

Klare Worte, die dich hoffentlich wachrütteln, damit du siehst:

Fehler passieren, doch das Wichtigste ist, daraus zu lernen!

Ich hab es schon getan, fühl mich stärker und gestalte mein Leben neu.

Das schöne Leben, das du mir wünschst, werde ich haben, keine Sorge.

Mach’s gut Honey.


Der Brief an die Andere ist angelehnt an ein Erlebnis aus meinem Leben. Er beschreibt die Situation nach einer Beziehungskrise, in der die Betrogene und das Mädchen, das in die Beziehung eingedrungen ist, miteinander in Kontakt treten. Der Brief ist die Antwort auf eine Nachricht der Anderen, die darin der Betrogenen selbst die Schuld an der Situation gibt. Ein Brief der keine realen Personen im Detail anspricht, losgelöst ist von wirklichem Geschehen und natürlich nie abgeschickt wurde.

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